Einseitigkeit

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Leibliche Speise

Mein Kater Mylo schaut mir jeden Morgen beim Frühstücken zu und jammert: "Miau, miau,.." Auch während meiner täglichen Arbeit nervt er unentwegt. Ich mache die Angelegenheit zu einem Gebetsanliegen.
Danach kommt mir der Gedanke, einmal die tägliche Speise meines Katers zu überprüfen. Er bekommt: Geflügel-Cocktail, bestehend aus Ente & Truthahn als Weichfutter und Huhn als Hartfutter. Während ich also jeden Morgen meine Brötchen mit den verschiedensten Aufschnitten und Aufstrichen belege, muss er sich ausschließlich mit Geflügel begnügen. Das macht ihn offenbar bitter!

Nun habe ich ihm zusätzlich "Zarte Häppchen mit Rind im Tomatengelee" als Weichfutter und "Lecker gefüllte Knackis mit Lamm" gekauft und ihm serviert. Nun habe ich einen zufriedenen Kater, der die ganze lange frostige Nacht zufrieden im Haus verbringt und gegen Morgen mir einen ausgelassenen Sprint im Garten präsentiert. Im Nachhinein glaube ich, sein "Miau" sollte mir am Frühstückstisch signalisieren : "Mir auch - die guten verschiedenen Sorten!"

Geistliche Speise

So wie es sich mit der leiblichen Speise verhält, so scheint es mir ganz ähnlich mit der geistlichen zu sein. In den vielen christlichen Denominationen wird das Wort Gottes der Bibel gepredigt, doch mit verschiedenen Schwerpunkten, die für die jeweilige Kirche oftmals typisch sind. Freikirchen und Landeskirchen haben ihre eigenen Liturgien. Auch wählen sie verschiedene Schwerpunkte in ihren Auslegungen.
Das war schon immer so. Es existierte schon vor Christi Geburt im Judentum. Und erst recht im damaligen Heidentum. Es ist ein menschliches Problem: Dort, wo man sich von der übrigen Welt distanziert, fehlen oftmals die Anknüpfungspunkt für eine Predigt, die alle Zuhörer erreicht.

Jona in Ninive

Einen ganz extremen Fall fehlender Selbstkritik finden wir im alttestamentlichen Buch "Jona". Dort wird über die assyrische Hauptstadt Ninive des 6. vorchristlichen Jahrhunderts berichtet. Diese fanden offenbar ihr ausschweifendes Leben ganz normal, bis ihnen der jüdische Prophet Jona den Untergang prophezeite. Ninive tat Buße, ihre Einwohner veränderten ihre Lebensweise und durften für das nächsten Jahrhundert ihre Stadt bewahrt wissen.
Ähnliche Verhältnisse wie in Ninive lagen im Nordreich Israels vor, wo Amos, aus dem Südreich stammend, das Gericht prophezeite. Im Gegensatz zu Ninive waren die Bewohner der Nordreiches allerdings nicht gewillt, bußfährtig zu sein. Der Untergang kam daraufhin durch die Assyrer. Sie deportierten alle 10 Stämme Israels, die dort bislang gewohnt hatten. Vom gesammten Israel blieb daher nur ein Rest übrig, nämlich die Stämme Juda und Benjamin im Süden.

Die Reformatoren in der alten Kirche

Im europäischen Mittelalter hatten die Kritiker der alten Kirche ganz ähnliche Probleme zu lösen wie Amos und Jona Jahrhunderte zuvor in Kleinasien.. Seit dem 14.Jahrhundert versuchten Priester, Bischöfe und Kardinäle, die alte römische Kirche zu erneuern. Nikolaus von Kues, Bischof, schließlich sogar Kardinal, gab seine Reformversuche mit den Worten auf: "Immer wenn ich im Vatikan von Reformen spreche, dann werde ich ausgelacht!" Johann Huss scheiterte in Konstanz. Ein Mönch aus dem fernen Sachsen, Luther hatte mehr Erfolg. Er war als Sohn eines Bergmannes geboren. Ihm half in Straßburg und Genf der Sohn eines Advokaten der Kirche, namens Johannes Calvin. In Zürich wirkte ein Feldprediger als Reformator, der sich Ulrich Zwingli nannte.
Es waren alles Leute, die keine hohe Kirchenämter innehatten und keinen Adelstitel trugen. Sie stammten also nicht aus einem der einflussreichen Kreise, die damals den Klerus bildeten. Sie kamen ähnlich wie Jona und Amos aus einem fremden Kulturkreis. Innerhalb der Leiterschaft der alten Kirche war jede Reform gescheitert. Auch heute kommt Kirchenkritik in der Regel von außen, so ähnlich wie bei mir zuhause die Kritik meiner Katze an der einseitigen Nahrung. Allgemein sollte man auf Kritik hören und in sich gehen, um zu erkennen, welche kritischen Bemerkungen berechtigt sind. Ohne Kritik von außen erkennt man die eigenen Defizite nur schwer.